
GiveDirectly

Kurzbeschreibung
Geldtransfers an Menschen in extremer Armut, die über die Verwendung selbst entscheiden
Organisation
GiveDirectly ist eine 2009 von Entwicklungsökonomen der Universitäten Harvard und MIT gegründete Non-Profit-Organisation. Sie zahlt ungebundene Geldtransfers an Menschen in extremer Armut aus: Die Empfängerinnen und Empfänger erhalten Geld ohne Bedingungen und entscheiden selbst, wofür sie es verwenden. Nach eigenen Angaben hat GiveDirectly seit der Gründung mehr als eine Milliarde US-Dollar an über zwei Millionen Menschen weitergeleitet und arbeitet derzeit in Kenia, Malawi, Mosambik, Ruanda, Uganda und der Demokratischen Republik Kongo.1
GiveDirectly unterhält mehrere Programme, darunter Cash for Poverty Relief. Es bindet den Großteil ihrer Mittel (siehe Bewertung GiveWell.2). GiveWell nennt für dieses Programm fünf Länder: Kenia, Malawi, Mosambik, Ruanda und Uganda.2 Daneben betreibt die Organisation Nothilfe nach Katastrophen, Grundeinkommensprogramme, Transfers an Geflüchtete und eigene Programme in den USA.1 Effektiv Spenden, über die steuerbegünstigte Spenden aus Deutschland an GiveDirectly abgewickelt werden, hat mit GiveDirectly vereinbart, dass diese Mittel ausschließlich Programmen in Entwicklungsländern zugutekommen; US-Programme sind damit ausgeschlossen.3
Das Problem: Extreme Armut
Nach der zuletzt aktualisierten Schätzung der Weltbank lebten 2024 rund 847 Millionen Menschen unter der internationalen Armutsgrenze, das sind 10,4 Prozent der Weltbevölkerung.4 Die Grenze selbst wurde im Juni 2025 von 2,15 auf 3,00 US-Dollar pro Tag angehoben (Preise von 2021). Für das Jahr 2022 stieg die Zahl der Betroffenen dadurch von 713 auf 838 Millionen. Ausschlaggebend waren neue Kaufkraftdaten und vor allem deutlich erhöhte nationale Armutsgrenzen in mehreren Ländern mit niedrigem Einkommen, nicht plötzlich gewachsene Armut.5
Extreme Armut ist häufig verbunden mit schlechter Gesundheit, Unterernährung, fehlendem Zugang zu Bildung und mangelnden wirtschaftlichen Chancen. Für Afrika südlich der Sahara weist die Weltbank mit 45,5 Prozent für 2022 die höchste Armutsquote aller Weltregionen aus.5
Seit 1990 ist die Zahl der Menschen in extremer Armut von rund 2,3 Milliarden auf heute etwa 831 Millionen gesunken, während sich ihr geografischer Schwerpunkt verschoben hat: Länder wie China und Indonesien haben ihre Armutsquote unter 10 Prozent gedrückt, während heute die meisten extrem Armen in Subsahara-Afrika leben, in einigen Ländern, darunter die Demokratische Republik Kongo, Mosambik und Malawi, bei über 50 Prozent der Bevölkerung. Nach aktuellen Prognosen soll die Zahl bis 2030 zunächst auf etwa 793 Millionen sinken und danach wieder steigen.6
Ansatz
GiveDirectly wählt Regionen mit hoher absoluter Armutsquote aus und darin Dörfer, in denen voraussichtlich mehr als 80 Prozent der Bewohner unter der Armutsgrenze leben. Innerhalb dieser Dörfer wird nicht weiter nach Bedürftigkeit unterschieden: Seit 2017 ist die Auszahlung an das gesamte Dorf das Standarddesign, vorher diente das Dachmaterial der Häuser als Näherungsmaß für Armut.2
GiveWells Bericht von Oktober 2024 beziffert den Transfer auf rund 1.000 US-Dollar pro Haushalt, in Malawi 550 US-Dollar pro Erwachsenem.2 Auf ihrer aktuellen Programmseite gibt GiveDirectly inzwischen 650–950 US-Dollar pro Erwachsenem an, etwa so viel, wie eine Person im Jahr zum Leben hat, ausgezahlt in zwei Tranchen von zunächst rund 100 und zwei Monate später rund 650 US-Dollar.7 Die Auszahlung läuft über Mobilgeld; wer kein Telefon besitzt, kann eines beziehen, dessen Kosten vom Transfer abgezogen werden.2
Danach wird jede Person angerufen, um den Erhalt zu bestätigen. Ein organisatorisch getrenntes Prüfteam geht Verdachtsfällen nach, Beschwerden laufen über kostenlose Hotlines.2
Wirkung
GiveWell hat die Kosteneffektivität des Programms im Oktober 2024 um das Drei- bis Vierfache nach oben korrigiert, vor allem wegen neuer Evidenz zu Effekten auf Nachbarhaushalte und zur Kindersterblichkeit. Damit erreicht das Programm etwa 30 bis 40 Prozent der Wirkung, die GiveWell von ihrer jeweils besten alternativen Fördermöglichkeit erwartet.2 Für Programme zur Einkommensverbesserung liegt die Förderschwelle beim Sechsfachen des eigenen Vergleichsmaßstabs, weshalb GiveDirectly nicht zu den Top Charities zählt.8 Ungebundene Geldtransfers sind für GiveWell aber der Maßstab, an dem andere Programme gemessen werden.
Je einer Million US-Dollar Programmausgaben schätzt GiveWell die Reichweite auf 740 bis 970 Haushalte und damit etwa 3.300 bis 4.100 Menschen.2 Die Evidenz im Einzelnen:
- Der Konsum der Empfängerhaushalte steigt kurz nach der Auszahlung stark und geht über die Jahre wieder zurück. Dieses Muster zeigt sich über sieben Studien zu fünf randomisierten Erhebungen hinweg.2
- Auch Nachbarhaushalte, die kein Geld erhalten, verbrauchen mehr, weil das Geld lokal ausgegeben wird. Eine randomisierte Studie in Kenia misst 18 Monate nach der Auszahlung 13 Prozent höheren Konsum bei Nichtempfängern, bei einer Preissteigerung von nur 0,1 Prozent.2
- Eine randomisierte Studie in Kenia findet eine um 45 Prozent gesunkene Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren. GiveWell halbiert diesen Effekt im eigenen Modell und hält Geldtransfers ausdrücklich nicht für eine kosteneffektive Möglichkeit, Leben zu retten.2
- Ein messbarer Anstieg der Ausgaben für Alkohol und Tabak ließ sich in keiner der drei Studien nachweisen, die ihn untersucht haben.2
Wie viel des Geldes ankommt, hängt von der Bezugsgröße ab. GiveDirectly gibt für 2025 an, mehr als 87 Prozent der Spenden an dieses Programm seien als Bargeld bei den Empfängern angekommen.7 Bezogen auf die Gesamtkosten eines Länderprogramms beziffert GiveWell den Transferanteil auf 71 bis 85 Prozent.2
Transparenz
GiveDirectly veröffentlicht seine Finanzen, seine Forschung und seit 2024 jährlich einen Bericht über Betrug, Missbrauch und Sicherheitsvorfälle. Der Bericht für 2025 nennt Zahlen und benennt, was schiefgegangen ist.9
- 2025 zahlte die Organisation nach eigenen Angaben 146 Millionen US-Dollar an 439.000 Menschen in zehn Ländern aus. Die bekannten Betrugsverluste lagen bei 0,27 Prozent, gegenüber 0,19 Prozent im Vorjahr und unter der selbst gesetzten Marke von 0,5 Prozent.9
- Zwei Programmdesigns mit weniger direktem Kontakt zu den Empfängern fielen deutlich schlechter aus: In der Demokratischen Republik Kongo führte die Kombination aus Fernerfassung und Fernauszahlung zu einer Verlustquote von 2,98 Prozent. In Malawi stieg die Quote betrügerischer Anmeldungen bei einem verkürzten Anmeldeverfahren zunächst auf 9,8 Prozent, bevor zusätzliche Prüfungen sie auf 0,8 Prozent drückten.9
- Rund 985 Fälle wurden gemeldet, in denen sich Dritte als GiveDirectly ausgaben, meist über WhatsApp in Kenia und Uganda, nach über 400 Fällen im Jahr 2024.9
- 1.772 Meldungen betrafen den Schutz von Empfängern, vier je 1.000 ausgezahlten Personen gegenüber sechs im Vorjahr. 74 Prozent davon waren Konflikte innerhalb von Haushalten.9
- Bei einer lokalen Partnerorganisation stellte eine Untersuchung fest, dass fünf Mitarbeitende neun Empfängerinnen und Empfänger sexuell belästigt, finanziell ausgenutzt oder bedroht hatten. Die Gelder wurden zurückgezahlt, die Beteiligten entlassen und die Partnerschaft beendet.9
- Ihre eigenen Fristen hält die Organisation nicht ein: 77 Prozent der Schutzfälle und 87 Prozent der Betrugsfälle wurden binnen 30 Tagen abgeschlossen, das Ziel liegt bei 90 Prozent.9
Auch der schwerste Fall wurde selbst offengelegt: 2023 gab GiveDirectly bekannt, dass Mitarbeitende in der Demokratischen Republik Kongo über sechs Monate rund 900.000 US-Dollar unterschlagen und damit über 1.700 Familien um ihre Hilfe gebracht hatten. Die Organisation stoppte das Programm, veröffentlichte eine Ursachenanalyse und bezifferte den Anteil des im betreffenden Jahr durch Betrug verlorenen Geldes auf etwa 1,1 Prozent, den höchsten Wert ihrer Geschichte.10
Aktuelle Projekte
GiveWell hat im November 2025 rund 4,6 Millionen US-Dollar für drei Pilotprojekte bewilligt, die prüfen, ob Abwandlungen des Kernprogramms die Förderschwelle für Einkommensprogramme erreichen. Für die drei Pilotprojekte einzeln betrachtet schätzt GiveWell die Kosteneffektivität auf das Vier-, Fünf- und Sechsfache des Vergleichsmaßstabs, GiveDirectly selbst auf das Sechs- bis Achtfache.8
Malawi
1,90 Millionen US-Dollar. Rund 1.850 lokale Unternehmen erhalten Zuschüsse von 500 oder 1.000 US-Dollar, und zwar vor den Haushaltstransfers, damit sie Waren für die steigende Nachfrage einkaufen können. Der Pilot ist in eine laufende randomisierte Studie eingebettet und liefert deshalb den belastbarsten Erkenntnisgewinn der drei.8
Mosambik
1,52 Millionen US-Dollar. Rund 2.000 Menschen erhalten je 550 US-Dollar in zwei Tranchen. Alle 18- bis 35-Jährigen der ausgewählten Dörfer und mindestens ein Haushaltsvorstand über 35 werden erfasst, damit jeder Haushalt etwas erhält. Der durchschnittliche Konsum im Gebiet liegt bei etwa 1,04 US-Dollar pro Tag. Es gibt keine Kontrollgruppe.8
Uganda
1,20 Millionen US-Dollar. Rund 1.216 Haushalte erhalten je 644 US-Dollar, zeitlich abgestimmt auf die Fertigstellung von Fußgängerbrücken der Organisation Fika. Geprüft wird, ob Kapital und Marktzugang zusammen mehr bewirken als einzeln. Ausgewertet wird deskriptiv, nicht kausal.8
Daneben läuft das Kernprogramm in den genannten Ländern weiter; für 2026 nennt GiveDirectly ein Auszahlungsziel von 250 Millionen US-Dollar.7 Nothilfe wurde 2025 unter anderem nach dem Erdbeben auf den Philippinen und dem Hurrikan in Jamaika ausgezahlt.9 In den USA laufen eigene Programme, darunter Rx Kids in Michigan und Ohio sowie In Her Hands in Georgia.11
Warum der Geld für die Welt Fonds GiveDirectly finanziert
Kaum eine Maßnahme gegen Armut ist so gut untersucht wie der ungebundene Geldtransfer, und keine andere Organisation hat so viel dazu beigetragen: fünf randomisierte Erhebungen zum eigenen Kernprogramm, dazu Nachbefragungen über Jahre. Deshalb ist dieses Programm für GiveWell der Maßstab, an dem andere Programme gemessen werden, und deshalb steht GiveDirectly auf dieser Liste, obwohl es die Förderschwelle für Einkommensprogramme nicht erreicht: Wer nichts findet, das besser belegt ist als Bargeld, sollte Bargeld geben.
Dazu kommt, was die Organisation über sich selbst veröffentlicht. Der jährliche Bericht über Betrug und Missbrauch nennt Verlustquoten je Programm, benennt zwei eigene Fehlkonstruktionen und räumt ein, dass die eigenen Bearbeitungsfristen verfehlt wurden. Eine Organisation, die ihre schlechtesten Zahlen selbst veröffentlicht, ist auch bei den guten überprüfbar. Der Geld für die Welt Fonds zahlt an GiveDirectly aus, weil beides zusammenkommt: die belastbarste Evidenzlage im Feld und die Bereitschaft, das eigene Scheitern zu dokumentieren.
Footnotes
-
GiveDirectly, „About GiveDirectly". givedirectly.org ↩ ↩2
-
GiveWell, „GiveDirectly's Cash for Poverty Relief Program". givewell.org ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9 ↩10 ↩11 ↩12 ↩13
-
Effektiv Spenden, „GiveDirectly". effektiv-spenden.org ↩
-
Weltbank, „March 2026 global poverty update from the World Bank". blogs.worldbank.org ↩
-
Weltbank, „The World Bank's new global poverty lines in 2021 prices"; Weltbank, „June 2025 global poverty update from the World Bank". blogs.worldbank.org; blogs.worldbank.org ↩ ↩2
-
Max Roser, „The end of progress against extreme poverty?", Our World in Data. ourworldindata.org ↩
-
GiveDirectly, „Cash for Poverty Relief". givedirectly.org ↩ ↩2 ↩3
-
GiveWell, „GiveDirectly, Pilots of Cash Transfer Program Variations, November 2025". givewell.org ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5
-
GiveDirectly, „Report: risks we faced delivering cash in 2025". givedirectly.org ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8
-
GiveDirectly, „Fraud in D.R.C. – our apology and response". givedirectly.org ↩
-
GiveDirectly, „GiveDirectly in the U.S.". givedirectly.org ↩
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